VISIOLINK NACHRICHTEN

Mit dem Rücken zur Bezahlmauer

Geschrieben von Thomas Wittenburg am 15.08.16 11:13

Thomas Wittenburg
Finde mich auf:

Back_to_the_paywall.jpg

Digitale Medien kämpfen immer noch mit Umsatzschwierigkeiten, trotz einer ansteigenden Zahl der zahlenden Leser. Der größte Umsatz der traditionellen Medienhäuser bleiben die gedruckten Zeitungen. Aber wie verdient man Geld mit digitalen Medien, die Leser interessieren?

In dem Buch „Saving the Media:  Capitalism, Crowdfunding, and Democracy,” schreibt Professor Julia Cagé vom Institut für politische Studien in Paris, unter anderem, dass ein Großteil der Probleme der Medienhäuser, die Art und Weise ist, wie sie in Bezug auf ihr Geschäft operieren. Viele Zeitungen, Fernseh- & Radiostationen sind in Privatbesitz, damit folgen auch Gewinnerwartungen von Investoren und Aktionären. Viele haben unter dem Strich gute Zahlen durch Umstrukturierung, Entlassung von Mitarbeitern und möglicher Kosteneinsparungen erreicht. Was auf lange Sicht nicht unbedingt das gesündeste Geschäftsmodell ist.

Durch Reduktion von Kosten konnte den Aktionäre Profit gewährleistet werde, aber oft auf Kosten der Mitarbeiter und letztlich Lesern, Zuhörern und Zuschauern. Die Qualität des redaktionellen Inhalts ist gefallen. Julia Cagés Empfehlung ist es, dass die verschiedenen Medien sich geschäftlich wie Fonds organisieren. Das würde auch günstigere Steuerregelungen ermöglichen. In England und Deutschland wird das Modell mit Vorteil für die traditionellen Medienhäuser, unter anderem The Guardian und Bertelsmann im Besitz der Bertelsmann-Stiftung (Europas größter Medienkonzern) verwendet.

Die Bezahlmauer kann ein teurer Erfolg werden

Viele Medienhäuser haben gekämpft, um in der digitalen Realität Fuß zu fassen, während sie zur gleichen Zeit ihre Kosten reduzieren mussten. Einigen der großen Unternehmen ist es allerdings gelungen, ihrer Geschäfte stärker auf die digitalen Plattformen zu übertragen. Die New York Times und die britische The Times sind nur einige der internationalen Medien, denen es gelungen ist die negative Entwicklung der zahlenden Leser umzudrehen und schwarze Zahlen zu schreiben. 

Die Zunahme der Leserschaft ist aber noch keine endgültige Erfolgsgeschichte. Letzten Jahr erreichte die New York Times 1 Million Abonnenten. Und obwohl die Zahlen beeindruckend sind, verblassen sie im vergleicht mit den Ergebnissen der gedruckten Zeitungen und Webseiten. Die gedruckte Zeitung ist einfach mehr Geld Wert pro Leser. Bei der New York Times, wies Ken Doctor von dem amerikanischen Nieman Labor im August 2015 darauf hin, dass die rund 185 Millionen Dollar Umsatz der digitalen Abonnenten, nur ein relativ kleiner Teil des gesamten Milliardenumsatzes der NYT ausmachen.

The Guardian erlebte in den letzten Jahren riesige Verluste, trotz einer wachsenden Zahl von Lesern auf ihre digitalen Plattformen. Auch die großen Unternehmen kämpfen mit Umsatzgewinn auf digitalen Plattformen.

Der Kontrast hierzu ist die britische The Times. Mit einer relativ kleinen Zahl an Abonnenten –  plattformübergreifend 416.000 – erlebt die Zeitung steigende Erträge. Und das zu einem großen Teil auf der Grundlage ihrer Bezahlmauer. Das digitale Abonnement umfasst 182.000 Leser der The Times und The Sunday Times. Das Abonnement kostet 6 Pfund pro Woche. Und die gedruckte Ausgabe hat, als eine der wenigen Zeitungen, eine zunehmenden Absatz in den letzten neun Monaten erlebt. Das heißt also, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass man mit seinen gründlich recherchierten Geschichten Geld verdienen kann.

Kostenlose Klickköder treiben den Markt zusätzlich an

Für den Leser zeichnet sich ab, dass der „inhaltliche Gewinn“ der bezahlten Medien sich auszahlt. Eine steigende Auflage ist ein gesundes Zeichen. Aber es ist immer noch ein starker Strom an neuen Medien, die auf Leser jagt gehen mit freien Inhalten, Zitaten, Geschichten und Taschen voller Klickködern. Es ist schwer mit kostenpflichtigen und kritischen Journalismus den Durchbruch zu schaffen. 

clickbait.jpg

Gleichzeitig müssen die Leser sich mit deutlich mehr Inhaltsanbietern auseinandersetzen. Dazu kommt, dass die Leser in einem geringeren Maße als früher an einzelne Medien gebunden sind. Deswegen kämpfen alle Medien hart um die gleichen Kunden, die in der Regel nur wenige bezahlte Medien gleichzeitig abonnieren. Wenn sie überhaupt für Inhalte zahlen.

Für viele ist es natürlich, sich eine Art von „Netflix“ für Zeitungen vorzustellen, wo die Leser stöbern und für sie das beste wählen können. In der Praxis ist es leider unmöglich, eine ausreichend hohe Qualität der Inhalte, der verschiedenen Medienhäusern, zu sichern.

Die Leser haben keine unbegrenzten Inhaltsressourcen und konsumieren daher die Medien, die am besten für sie geeignet sind. Das lässt Platz für ein breites Sortiment an Medien auf dem Markt. Aber es stellt auch Anforderungen an die Inhalte, die die betreffenden Medien liefern. Leser haben keine Kontrolle über den Inhalt, so lange sie nicht die Medien besitzen.

Erfolg setzt gute Inhalte voraus

Zurück zu Julia Cagé. Medien die im Besitz von Fonds sind, haben die Möglichkeit sich auf den Journalismus zu konzentrieren von dem sie Leben, ohne dass sie dabei den Druck der Investor spüren. Auf der anderen Seite zeigen Forschungen, dass Medien im Besitz von Fonds, bis auf einige gigantische ausnahmen, primär kleine Nischenmedien sind. Viele von ihnen haben Schwierigkeiten mit der Finanzierung und kämpfen daher mit dem täglichen Betrieb.

Hier kommt das Konzept des Crowdfunding ins Spiel. Die Idee ist nicht neu, und im Prinzip kann man sagen, dass ein Abo-System eine Art von Crowdfunding ist. Aber es gibt verschiedene Facetten. Wenn das Abonnement verbindlich ist, kann das Crowdfunding variieren. Es kann für den täglichen Betrieb, für die Finanzierung von einzelnen Artikelserien und andere Projekte benutzt werden.

Ein bodenständiges Beispiel ist die Crowdfunding-Plattform Patreon. Patreon ist ein Service, dass unter anderem von vielen freiberuflichen Journalisten verwendet wird, um ein kontinuierliches Einkommen zu gewährleisten, während sie Themen verfolgen, die nicht von den großen Medien unterstützt werden. Also eine Art von privat finanziertem Aufklärungsjournalismus.

Freelance-Plattformen könnten ein Weg zu mehr und vor allem bessern kritischen Journalismus sein. Für die großen Medienhäuser kann es jedoch schwierig sein mit den Lesern durch Crowdfunding Partnerschaften einzugehen, während man gleichzeitig von kommerziellen Partnern abhängig ist. Deshalb sehen wir wahrscheinlich eine Konsolidierung der Auflagen, auf dem was man als den mittleren Bereich des Medienmarktes bezeichnen kann. Also die Medien, die nicht die großen Referenzwerte und globale Reichweite haben, oder die Medien die sich auf einer sehr spezialisierten Bereichen oder Leser ausgerichtet haben.

Der Medienmarkt der Zukunft wird nicht auf der Grundlage ein Geschäftsmodell bestehen. Fonds, Unternehmen und private Wohltäter werfen sich bereits über die Medien, die versuchen Geld für den täglichen Betrieb und Entwicklung suchen. In diesem Umbruch werden Geschäftsmodelle und Journalismus kollidieren, der kritische, freie und unabhängige Journalismus wird noch stärker unter Druck gesetzt, mehr als wir es bis jetzt gesehen haben. Aber wie John Oliver so lebhaft illustriert hat, gibt es noch immer einen Bedarf am Journalismus. Wir brauchen nur ein Geschäftsmodel das mithalten kann.

Topics: Knowledge

Für E-Mail-Updates anmelden


Visiolink at the World Publishing Expo 2015

New Call-to-action